Hilfe, ich mag meine Stimme nicht!

Warum das (k)eine Charakterschwäche ist und was Du dagegen tun kannst.

Autorin: Angela Hack

Der Charakter Deiner Stimme: Klangfarben und Timbre

Kennst Du das? Du siehst Dir einen ausländischen Film mit einem Schauspieler an, den Du gerne magst (den Schauspieler). Und die ganze Zeit denkst Du: da stimmt doch was nicht! Auf einmal wird Dir klar: der Kerl hat diesmal eine andere Synchronstimme! Und irgendwie gelingt es Dir nicht mehr, den Film zu genießen…

Das ist nicht verwunderlich, denn wir verbinden den Klang einer Stimme unmittelbar mit der Person zu der sie gehört. Der Klang einer vertrauten Stimme kann beruhigen und gibt Sicherheit. Wenn eine Person auf einmal mit einer völlig anderen Stimme spricht (wie eben dieser Schauspieler), fühlt sich das an als hätte er seine Persönlichkeit verändert, als könnten wir uns auf seinen Charakter nicht mehr verlassen. Das irritiert enorm!

Wie aber kann es sein, dass wir Stimmen so gut voneinander unterscheiden und bestimmten Personen zuordnen können?

Dein Timbre

Wir alle haben ein sogenanntes Grundtimbre. Das ist die Eigenschwingung unserer Stimme.  Hier, sagt man, wird die Seele des Sängers hörbar. Das Timbre ist sozusagen der Charakter unserer Stimme. Es unterscheidet Deine Stimme von allen anderen auf der Welt.

Verantwortlich für Dein unverwechselbares Timbre ist die anatomische Beschaffenheit Deines Stimmapparates: der Mund- und Rachenraum, die Nasennebenhöhlen, sogar die Zahnstellung, die Zungengröße und die Form der Lippen spielen hier eine Rolle. Da dies in seiner Gesamtheit bei jedem von uns ein klein wenig anders ausfällt, klingen auch keine zwei Stimmen exakt gleich.

Nun klingt aber auch Deine Stimme nicht immer gleich. Das liegt an den Klangfarben, mit denen Du spielen kannst.

Die 1000 Farben Deiner Stimme

Unsere Stimme ist formbar und flexibel. Wir können mit ihr die unterschiedlichsten Geräusche erzeugen und so beim Sprechen (und noch mehr beim Singen) mit verschiedensten Klangfarben spielen.

Unterschiedliche Klangfarben entstehen, wenn wir z.B.

  • die Stellung des Kehlkopfes verändern (hoch oder tief)
  • unsere Kehle weiten oder verengen
  • die Nasennebenhöhlen öffnen oder verschließen
  • die Position der Zunge verändern (z.B. locker oder angespannt, Zunge vorne oder hinten)
  • die Lippen unterschiedlich formen
  • den Kiefer weit öffnen oder eher geschlossen halten 

Übungstipp! Achte mal beim Anhören verschiedener Sprecher, darauf, was sie mit ihren Sprechwerkzeugen (Zunge, Kiefer, Lippen etc.) genau machen, um so zu klingen, wie sie klingen. Das schärft Dein Gehör und hilft Dir, Deine eigenen Klangfarben besser einzuschätzen.

So viel zu anatomischen Grundlagen. Aber wir dürfen nie vergessen: Gerade beim Sprechen bilden wir die meisten Klangfarben unbewusst, den Klangfarben vermitteln immer Emotionen. (Mehr zum Thema Klangfarben und Emotion findest Du ihn Heikes Artikel „Warum Deine Stimme ein wichtiger Teil von Dir ist“.)

Gerade deswegen sind sie so wichtig! (Jeder kennt wahrscheinlich die Situation, dass man als Kind bereits am Klang der Stimme, mit der die Mutter den eigenen Namen gerufen hat, erkannt hat, ob man gleich Ärger bekommt…). Die Stimmfarbe ändert sich also mit der Stimmung und mit den Emotionen.

Der Klang einer Stimme mit ihrem Timbre und ihren unterschiedlichen Klangfarben spiegelt Deine Persönlichkeit: Dein Temperament, Deinen Körperbau, Dein (ungefähres) Alter, Deine Tagesform und vieles mehr.


Und wenn ich meine Stimme nicht mag?

Wenn Du deine Stimme nicht magst, heißt das glücklicherweise nicht zwingend, dass Du ein Problem mit Deiner Persönlichkeit hast. Viele Menschen mögen den Klang ihrer Stimme nicht und meistens hat das ganz banale Gründe:

 1. Gewohnheit:

Obwohl wir oft den ganzen Tag Sprechen, nehmen wir unsere Stimme dabei meist nicht bewusst wahr. Wenn wir dann in einer Situation sind, in der wir lauter sprechen (z.B. beim Sprechen vor einer Gruppe), sind wir irritiert, weil wir es nicht gewohnt sind unsere Stimme zu hören.

Ein Weg, den Klang der eigenen Stimme lieben zu lernen liegt also schlichtweg darin, sich mit ihm vertraut zu machen. Das heißt im Klartext: laut (!) Sprechen und Hinhören. Wichtig dabei: das Hinhören!

Gewöhne Dich langsam an den Klang Deiner Stimme, indem Du sie einfach bewusster wahrnimmst! Sei dabei neugierig und offen und versuche nicht gleich zu bewerten, was ein „schöner Klang“ ist und was nicht.

2. Der Konflikt zwischen innen und außen.

Ein anderes Phänomen: Du magst Deine Stimme nur auf Aufnahmen nicht (z.B. Seminarmitschnitte oder auf dem Anrufbeantworter)? Das liegt daran, dass der Klang, den Du beim Sprechen hörst wirklich anders ist, als der auf der Aufnahme.

Wir dürfen nicht vergessen, dass beim Sprechen unser „Instrument“ innerhalb unseres Körpers liegt. Dieser verstärkt die außen hörbaren Schallwellen, die aber im Körperinneren produziert werden. Was wir „von innen“ hören, klingt dadurch weicher und etwas abgedämpfter. Und nicht zuletzt vertrauter, weil wir uns so ja immer hören. Dieser „Weichzeichner“ fällt weg, wenn wir uns bei Aufnahmen hören und das kann ungewohnt bis unangenehm sein. Mach Dir klar: andere Menschen hören Deine Stimme immer so! (und rennen wahrscheinlich trotzdem nicht schreiend davon 😉) Auch hier gilt also: Gewöhne Dich an diesen Klang – indem Du öfters Aufnahmen machst und diese (mit Offenheit und Neugierde!) immer wieder anhörst.

3. Du sprichst nicht in Deiner optimalen Sprechstimmlage:

Für jede Stimme gibt es einen bestimmten Tonbereich, in der sie am freiesten und entspanntesten klingt. Das ist die Lage in der alle Resonanzräume optimal genutzt werden und der Kehlkopf locker bleibt. Hier fühlt sich das Sprechen mühelos an und der Sprecher selbst wirkt entspannt.

Es kann ganz unterschiedliche Gründe geben, warum jemand diese optimale Sprechstimmlage verlässt. Die meisten davon geschehen unbewusst. Frauen sprechen gerne zu hoch (oft steht hier der unbewusste Wunsch dahinter, zu gefallen und „ungefährlich“ zu erscheinen) und Männer häufiger etwas zu tief (in dem (Irr)glauben, so Kompetenz und Durchsetzungskraft zu vermitteln). Ein anderer Grund für ein „Verrutschen“ der Stimme kann schlicht Stress sein. Bei Lampenfieber etwa stehen wir unter körperlicher Anspannung. Davon bleibt auch der Kehlkopf nicht verschont und die Stimme rutscht nach oben. Das Resultat: Du hast das Gefühl, dass Deine Stimme irgendwie nicht gut klingt.

Übungstipp! Um dies zu vermeiden gibt es eine ganz einfache Übung, mit der Du ein Gefühl für Deine optimale Sprechstimmlage bekommst und sie bei Bedarf auch dorthin zurückbringen kannst. Eine Videoanleitung findest Du hier: Stimmimpuls für Deine optimale Sprechstimmlage.

Und wenn ich meine Stimme wirklich nicht mag???

Dann gilt es herauszufinden, was genau Du an Deiner Stimme nicht magst und vor allem warum?

Übungstipp! Nimm Dir ein Blatt Papier zur Hand und schreibe einmal auf, welche Klangqualitäten Du (und ggf. auch andere Personen, die Du fragen kannst) mit Deiner Stimme verbinden (z.B. warm, weich, hell, gepresst, gehaucht, samtig, dunkel, raus, schneiden etc.). Und nun unterscheide: Welche Qualitäten findest Du durchaus gut und welche lehnst Du ab?

Wenn Du z.B. eine eher helle und hohe Stimme hast, aber lieber eine tiefe dunkle Stimme hättest. Frage Dich warum? Was für ein Gefühl vermittelt Dir eine tiefe Stimme und was für ein Gefühl vermittelt Dir eine helle Stimme? WAS fehlt Dir also emotional bei Deiner hohen Stimme?

Kannst Du diese Qualität entwickeln? (Viele Fähigkeiten lassen sich mit etwas Stimmtraining und Unterricht erlernen!) Oder ist sie vielleicht auf anderer Ebene durchaus schon da und Du hast sie bislang nur nicht gesehen?

Vielleicht kannst Du auch das, was Dir vermeintlich fehlt, mit einer Stimmqualität kompensieren, die Du schon hast? Wenn Du z.B. mit einer tiefen Stimme Stärke und Kraft verbindest, die Du in Deiner hohen, hellen Stimme vermisst, kannst Du diese Stärke unter Umständen gerade in der Höhe entwickeln! Höhere Frequenzen dringen viel besser durch als tiefere. Hier läge Potential für Stärke und Kraft.

Der Weg zur geliebten Stimme

Jede Stimme hat ihren eigenen Charme und wirkt auf bestimmte Menschen anziehend (und auf andere eben nicht).

In unserem Kulturkreis bevorzugen wir tiefere Stimmen, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, in Japan ist das Gegenteil der Fall. Vor allem aber mögen wir Stimmen, die echt klingen! Wenn ein Sprecher mit sich im Reinen ist und gelernt hat die naturgegebenen Stärken und Vorzüge seiner Stimme zu nutzen, wird er fast automatisch vertrauenswürdig und anziehend auf seine Zuhörer wirken.

Wie fast alles im Leben ist auch dies ist ein (Lern)prozess. Was Deine Stimme von Natur aus an Potential mit sich bringt und wie Du diese Stärken ausbauen und entwickeln kannst, kannst Du lernen! (Zum Beispiel in unserem Kurs „Dein Weg zur Stimmfreiheit“.)

Wichtig bei all dem ist, dass Du ehrlich, vor allem aber liebevoll zu Dir bist. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und individuellen Talenten und Veranlagungen. Das ist eine große Chance! Du hast, wenn Du Dich mit Deiner Stimme beschäftigst, neben all der Freude am Klingen und Tönen auch eine grandiose Möglichkeit, Dich selber besser kennenzulernen. Und je genauer Du Dich kennst und je vorbehaltsloser Du Dich akzeptierst, umso besser kannst Du zu Deiner Stimme stehen und Freude an ihr haben. Und: umso authentischer wirkst Du auf Deine Zuhörer.

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